Im Frühjahr stellt sich für Güterbahnen jedes Jahr dieselbe Frage. Wie wird das nächste Jahr? Welche Kunden bleiben, welche Verkehre kommen dazu, wo wird gebaut, und reichen Loks und Personal für all das? Die Antworten auf diese Fragen entscheiden über Investitionen, Mietverträge, Ausbildungsjahrgänge und am Ende über die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens.
Gleichzeitig ist die Lage im Markt angespannt. Der Schienengüterverkehr in Österreich ist 2025 zwar leicht gewachsen, laut Schienen-Control ist ein großer Teil des Zuwachses bei der Verkehrsleistung aber auf Umleitungen zurückzuführen und nicht auf echtes Wachstum. Gleichzeitig verschieben sich die Marktanteile deutlich zugunsten der privaten Anbieter. Wer in diesem Umfeld wachsen will, muss genauer planen und schärfer kalkulieren als je zuvor.
In diesem Beitrag zeigen wir, wie mathematische Optimierung Güterbahnen bei der Jahresplanung unterstützt, vom Umgang mit Baustellen über die Flotten- und Personalplanung bis zur Kalkulation von Angeboten.
Baustellen bestimmen das Jahr
Im Frühjahr veröffentlichen die Infrastrukturbetreiber ihre Bauprogramme für die kommenden Monate, und für Güterbahnen sind diese Programme eine der wichtigsten Planungsgrundlagen. In Deutschland laufen die Generalsanierungen weiter, bei denen wichtige Korridore über Monate gesperrt werden. Viele davon sind zentrale Güterverkehrsachsen, etwa auf dem Korridor zwischen Rotterdam und Genua oder auf der Achse Rhein Donau. In Österreich hat sich die Zahl der Sperren mit einer Dauer von mehr als drei Wochen 2025 nahezu verdoppelt.
Für eine Güterbahn bedeutet jede größere Sperre längere Laufwege, höhere Trassenentgelte, mehr Energie und mehr Personalzeit. Loks sind länger unterwegs und fehlen anderswo, Dienste werden länger und stoßen an arbeitszeitliche Grenzen. Die Schienen-Control warnt ausdrücklich davor, dass höhere Kosten durch längere Laufwege den Verlagerungsdruck zurück auf die Straße verschärfen.
Mit einem Optimierungsmodell lässt sich für jede angekündigte Baustelle durchrechnen, was sie für das eigene Netz bedeutet. Welche Verkehre sind betroffen? Welche Umleitung ist die günstigste, wenn man nicht nur die Kilometer, sondern auch Lok- und Personalbedarf betrachtet? Braucht es für die Dauer der Sperre zusätzliche Loks oder zusätzliches Personal? Diese Zahlen sind nicht nur für die eigene Planung wichtig, sondern auch für Gespräche mit Kunden über Preise und Laufzeiten.
Wie viele Loks brauchen wir im nächsten Jahr?
Die Flottenplanung gehört zu den teuersten Entscheidungen einer Güterbahn. Eine moderne Mehrsystemlok kostet mehrere Millionen Euro, und auch Mietverträge binden über Jahre. Wer zu wenige Loks hat, muss Verkehre ablehnen oder kurzfristig teuer zumieten. Wer zu viele hat, trägt die Kosten ungenutzter Fahrzeuge.
Die richtige Zahl ergibt sich nicht aus einer einfachen Rechnung, sondern aus den Umläufen. Wie viele Loks braucht es, um alle erwarteten Verkehre abzudecken, inklusive Reserve, Werkstattzeiten und Umleitungen? Welcher Loktyp passt am besten? Lohnt sich eine Hybridlok, die auch auf nicht elektrifizierten Anschlussgleisen fahren kann und damit eine Rangierlok am Zielort ersetzt? Mit einem Optimierungsmodell lassen sich solche Fragen für verschiedene Szenarien beantworten, bevor ein Vertrag unterschrieben wird.
Besonders wertvoll ist das bei grenzüberschreitenden Verkehren. Eine Lok, die in mehreren Ländern zugelassen ist, kann Leistungen durchgehend fahren und spart Lokwechsel an der Grenze. Ob sich die höhere Miete für eine solche Lok lohnt, hängt davon ab, wie viele Leistungen sie tatsächlich übernehmen kann. Genau das rechnet das Modell aus. Mehr dazu auf der Seite zur Ressourcenoptimierung im Schienengüterverkehr.
Personal für das nächste Jahr planen
Noch knapper als Loks sind die Menschen, die sie fahren. Triebfahrzeugführer mit Streckenkunde und Zulassungen für mehrere Länder sind am Arbeitsmarkt kaum zu finden, und die Ausbildung dauert lange. Wer im Frühjahr nicht plant, wie viel Personal mit welchen Qualifikationen im nächsten Jahr gebraucht wird, hat später ein Problem, das sich kurzfristig nicht lösen lässt.
Ein Optimierungsmodell, das auf den erwarteten Verkehren aufbaut, zeigt sehr genau, wie viele Dienste an welchen Standorten und mit welchen Qualifikationen anfallen. Daraus lässt sich ableiten, wie viele Menschen ausgebildet, welche Zusatzqualifikationen erworben und welche Strecken neu gelernt werden müssen. Es zeigt auch, wo sich mit einer anderen Verteilung der Leistungen Personal sparen ließe, etwa indem Dienste so geschnitten werden, dass sie häufiger am Wohnort enden. Mehr dazu auf der Seite zur Dienst- und Personalplanung und im Beitrag zur Dienstplanung im öffentlichen Verkehr, dessen Methoden sich direkt übertragen lassen.
Angebote schneller und genauer kalkulieren
Ein Bereich, in dem Optimierung oft unterschätzt wird, ist der Vertrieb. Viele Verlader verhandeln ihre Rahmenverträge für das Folgejahr, und neue Verkehre werden angefragt. Die Frage lautet dann, was ein zusätzlicher Ganzzug pro Woche wirklich kostet.
Die Antwort hängt stark davon ab, wie gut der neue Verkehr in die bestehenden Umläufe passt. Ein Zug, der eine Lok nutzt, die sonst am Wochenende stillsteht, ist deutlich günstiger als einer, für den eine zusätzliche Lok gemietet werden muss. Ein Verkehr, dessen Rückleistung eine bestehende Lokleerfahrt ersetzt, kann sogar Kosten senken. Mit einer pauschalen Kalkulation lassen sich solche Effekte nicht erfassen.
Mit einem Optimierungsmodell schon. Man fügt den angefragten Verkehr in das bestehende Modell ein und rechnet, wie sich Lokbedarf, Personalbedarf, Leerfahrten und Kosten verändern. Das Ergebnis ist eine Grenzkostenbetrachtung, die zeigt, zu welchem Preis sich der Verkehr lohnt. Wer so kalkuliert, kann in Ausschreibungen mutiger bieten, wo es passt, und lehnt Verkehre ab, die sich nicht rechnen. Wie wir solche Modelle aufbauen, beschreiben wir auf der Seite zur mathematischen Optimierung und zur MILP-Modellierung.
Regelverkehre für den Netzfahrplan anmelden
Auch wenn im Güterverkehr viel kurzfristig läuft, gibt es Systemverkehre, die regelmäßig fahren und deren Trassen im April für den nächsten Netzfahrplan angemeldet werden. Für diese Verkehre lohnt es sich, die Trassen so zu wählen, dass sie gut in die Lok- und Personalumläufe passen. Eine Abfahrtszeit, die eine halbe Stunde später liegt, kann einen Lokwechsel sparen oder einen Dienst so verkürzen, dass keine Übernachtung nötig ist.
Gleichzeitig bleibt ein großer Teil des Geschäfts kurzfristig. 2025 lag der Anteil von Ad-hoc-Trassen bei den Mitbewerbern des Marktführers im ÖBB-Netz laut Schienen-Control bei mehr als 40 Prozent. Die Jahresplanung sollte deshalb nicht nur die festen Verkehre abbilden, sondern auch Kapazität für kurzfristige Aufträge vorsehen. Wie die Disposition dann im laufenden Betrieb funktioniert, beschreiben wir im Beitrag Lokdisposition im Güterverkehr bei Ad-hoc-Trassen.
CO₂ als Verkaufsargument
Viele Verlader müssen ihre Transportemissionen inzwischen genau nachweisen. Der Schienengüterverkehr hat hier einen klaren Vorteil gegenüber der Straße, und dieser Vorteil lässt sich durch gute Planung noch vergrößern. Jede vermiedene Lokleerfahrt und jede kürzere Umleitung spart Energie und Emissionen.
Im Projekt Anexia Rail, das wir gemeinsam mit den ÖBB und der Universität Klagenfurt umgesetzt haben, zeigte sich ein Potenzial zur Senkung der CO₂-Emissionen um 15 bis 20 Prozent durch optimierte Umläufe. Gleichzeitig ließ sich ein Planungslauf, der zuvor bis zu zehn Tage dauerte, auf etwa zehn Sekunden verkürzen. Mehr dazu im Beitrag zum TRIGOS Kärnten 2026. Für Güterbahnen ist das nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern ein Argument im Vertrieb.
Werkstatt und Instandhaltung im Jahresverlauf
Auch die Instandhaltung will geplant sein. Größere Revisionen lassen sich in nachfrageschwächere Zeiten legen, damit in der Herbstspitze alle Loks verfügbar sind. Bei gemieteten Loks müssen die Vorgaben der Vermieter eingehalten werden. Eine Jahresplanung, die Wartungsfristen und erwartete Nachfrage gemeinsam betrachtet, sorgt dafür, dass Loks dann in die Werkstatt gehen, wenn sie am wenigsten fehlen. Mehr dazu auf der Seite zur Werkstattdisposition.
Was eine Potenzialanalyse zeigt
Viele Güterbahnen sind überrascht, wie viel sich schon mit den eigenen historischen Daten erkennen lässt. Für eine erste Analyse nehmen wir die tatsächlich gefahrenen Leistungen eines typischen Monats, die Lokeinsätze und die Personaldienste und rechnen nach, wie ein optimierter Plan unter denselben Bedingungen ausgesehen hätte.
Das Ergebnis zeigt, wie viele Lokstunden auf Leerfahrten und Standzeiten entfielen, wo Loks unnötig weit bewegt wurden, wie oft Personal aufwendig umgesetzt werden musste und welche Dienste mit einer anderen Zuordnung kürzer geworden wären. Diese Zahlen sind eine belastbare Grundlage für die Entscheidung, ob und in welchem Umfang sich eine dauerhafte Optimierung lohnt. Und sie liefern schon vor jeder Einführung wertvolle Hinweise für die Jahresplanung.
Förderung für Innovationsprojekte
Projekte zur Optimierung im Schienengüterverkehr haben oft Forschungscharakter, etwa wenn neue Modelle für grenzüberschreitende Lok- und Personalplanung entwickelt werden. In Österreich kommen dafür Förderungen der FFG infrage, auf europäischer Ebene weitere Programme. Wir unterstützen bei der Antragstellung, mehr dazu unter FFG-Forschungsprojekte und Fördermittel und Einreichung.
Sie planen das nächste Jahr oder kalkulieren neue Verkehre? Sprechen Sie mit uns. Wir rechnen gerne ein Szenario mit Ihren eigenen Daten durch.
Häufige Fragen
Wie genau lässt sich der Lokbedarf für das nächste Jahr berechnen?
So genau wie die erwarteten Verkehre bekannt sind. Wir rechnen deshalb mit Szenarien, etwa einem Basisfall und Varianten mit zusätzlichen Verkehren oder längeren Umleitungen.
Kann die Optimierung auch bei der Angebotskalkulation helfen?
Ja. Ein angefragter Verkehr wird in das bestehende Modell eingefügt, und das System zeigt, wie sich Lok- und Personalbedarf und damit die Kosten tatsächlich verändern.
Wie lange dauert es bis zum ersten Ergebnis?
Mit den Daten eines typischen Monats lässt sich meist innerhalb weniger Wochen eine erste Potenzialanalyse erstellen.
