Lange Zeit war die Sammlung alter Kleidung vor allem Sache karitativer Organisationen und einiger spezialisierter Unternehmen. Container standen dort, wo sich gerade ein Platz fand, und geleert wurde nach Erfahrung. Das ändert sich gerade grundlegend. Seit Jänner 2025 sind alle EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, Textilien getrennt zu sammeln. Mit der überarbeiteten Abfallrahmenrichtlinie, die im Oktober 2025 in Kraft getreten ist, kommt eine erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien hinzu. Hersteller sollen künftig die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling tragen.
Damit wird aus einem Nebenthema eine Planungsaufgabe, die Gemeinden, Abfallwirtschaftsverbände, Entsorger und karitative Sammler gleichermaßen betrifft. Wie viele Container braucht eine Region, wo sollen sie stehen, wie oft müssen sie geleert werden, und wohin geht die Ware danach? In diesem Beitrag zeigen wir, wie mathematische Optimierung hilft, diese Fragen fundiert zu beantworten.
Was sich mit der neuen Abfallrahmenrichtlinie ändert
Die überarbeitete Abfallrahmenrichtlinie gibt den Mitgliedstaaten 30 Monate Zeit, Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien einzurichten. Das bedeutet, dass bis etwa 2028 in allen Mitgliedstaaten Hersteller und Händler für die Kosten der Textilsammlung mitverantwortlich sein werden, auch wenn sie ihre Waren über Onlineplattformen verkaufen. Gleichzeitig gelten getrennt gesammelte Textilien künftig grundsätzlich als Abfall und müssen vor einer möglichen Verbringung sortiert werden.
Für alle, die Textilien sammeln, bedeutet das mehr Struktur, mehr Berichtspflichten und mehr Transparenz über Kosten und Mengen. Wer heute ein Sammelnetz aufbaut oder umbaut, sollte es so planen, dass es diese Anforderungen erfüllen kann. Und wer sich um Aufträge im künftigen System bewirbt, braucht eine belastbare Kalkulation.
Warum Textilien anders sind als andere Fraktionen
Textilien unterscheiden sich in mehreren Punkten von Papier, Glas oder Verpackungen. Ein großer Teil der gesammelten Kleidung ist noch tragbar und soll wiederverwendet werden. Das verlangt eine schonende Behandlung. Nasse oder verschmutzte Textilien verlieren schnell an Wert, und wenn ein Container überquillt und die Säcke daneben im Regen stehen, ist ein Teil der Ware verloren.
Die Mengen schwanken stark. Im Frühjahr und Herbst, wenn viele Menschen ihre Kleiderschränke ausmisten, fallen deutlich mehr Textilien an als im Sommer. Auch der Standort spielt eine große Rolle. Ein Container vor einem Supermarkt füllt sich viel schneller als einer am Rand eines Wohngebiets. Und schließlich ist die Qualität der Sammelware sehr unterschiedlich. Wie Saubermacher in einem Pilotprojekt mit dem Roten Kreuz Niederösterreich betont, liegt die größte Herausforderung im Textilrecycling in der Vielfalt der Materialien, von Baumwolle über Polyester bis zu Mischgeweben.
Die richtigen Standorte finden
Die erste Planungsfrage ist die nach den Standorten. Ein Sammelnetz soll für die Bevölkerung gut erreichbar sein, damit möglichst viele Textilien getrennt gesammelt werden und nicht im Restmüll landen. Gleichzeitig kostet jeder Container Geld für Aufstellung, Leerung und Pflege. Zu viele Container mit geringer Füllung sind unwirtschaftlich, zu wenige führen zu überfüllten Standorten und schlechter Qualität.
Mathematisch ist das ein Standortproblem, das in der Operations Research gut erforscht ist. Das Modell wählt aus einer Menge möglicher Standorte diejenigen aus, die mit einer bestimmten Anzahl von Containern die größte Zahl von Menschen innerhalb einer zumutbaren Entfernung erreichen. Es kann dabei die Bevölkerungsdichte, bestehende Wertstoffinseln, Einkaufszentren, Zufahrtsmöglichkeiten für Sammelfahrzeuge und die Erfahrungen mit bestehenden Standorten berücksichtigen. Wie wir Standortprobleme methodisch lösen, zeigt unser Beitrag zur Standortplanung, auch wenn es dort um Werkstätten geht. Die Logik ist dieselbe.
Leeren, bevor es überquillt
Die zweite Frage ist die nach dem Leerungsrhythmus. Ein fester Rhythmus für alle Container ist einfach, passt aber selten zur tatsächlichen Füllung. Manche Container werden geleert, wenn sie halb leer sind, andere quellen schon Tage vorher über. Beides kostet Geld, im einen Fall durch unnötige Fahrten, im anderen durch verlorene Ware und Beschwerden.
Besser ist ein Rhythmus, der sich an der erwarteten Füllung orientiert. Aus den Daten vergangener Leerungen lässt sich für jeden Standort eine Prognose ableiten, die auch saisonale Muster und besondere Ereignisse berücksichtigt. Noch genauer wird es mit Füllstandsensoren, die den tatsächlichen Stand melden. Die Tourenplanung entscheidet dann jeden Tag neu, welche Container angefahren werden, und bündelt sie zu effizienten Touren. In der Forschung heißt dieses Problem Inventory Routing, weil es Lagerhaltung und Tourenplanung verbindet. Wie wir Prognosen mit maschinellem Lernen erstellen, beschreiben wir auf unserer Seite zum Machine Learning.
Vom Container zur Sortierung
Nach der Sammlung beginnt die eigentliche Wertschöpfung. Die Textilien werden sortiert, tragbare Kleidung geht in die Wiederverwendung, der Rest in verschiedene Recyclingwege oder als letzte Möglichkeit in die thermische Verwertung. Die Sortierung ist aufwendig und braucht Kapazität, die über das Jahr möglichst gleichmäßig ausgelastet sein sollte.
Hier stellt sich eine Netzwerkfrage. Wo stehen Sortieranlagen, wie werden die gesammelten Mengen dorthin gebracht, und wie viel Zwischenlager braucht es, um die saisonalen Spitzen abzufangen? Wenn neue Technologien wie die KI-gestützte Sortierung hinzukommen, an der Saubermacher im Forschungsprojekt ReUseTex arbeitet, verändern sich auch die Kapazitäten und Qualitäten. Ein Netzwerkmodell kann zeigen, wie Sammlung, Transport und Sortierung am besten zusammenspielen. Wie wir Produktion und Anlieferung in Recyclinganlagen planen, beschreiben wir im Beitrag „Recyclinganlagen für Alttextilien planen“.
Zusammenarbeit mehrerer Akteure
In vielen Regionen sammeln mehrere Organisationen gleichzeitig Textilien. Gemeinden, Entsorger, karitative Organisationen und Second-Hand-Läden betreiben eigene Container oder Annahmestellen. Das führt oft zu Doppelstrukturen, zu Containern, die direkt nebeneinander stehen, und zu Touren, die sich überschneiden. Mit der erweiterten Herstellerverantwortung wird die Koordination dieser Akteure noch wichtiger.
Ein gemeinsames Planungsmodell kann zeigen, wie ein Sammelnetz aussehen würde, das alle Akteure einbezieht. Es kann berechnen, welche Standorte sich ergänzen und welche sich gegenseitig Menge wegnehmen, und wie Touren gebündelt werden könnten. Das Pilotprojekt von Saubermacher mit dem Roten Kreuz Niederösterreich, bei dem unverkäufliche Ware aus 37 Henry-Läden auf Recyclingwege geprüft wird, zeigt, wie solche Kooperationen aussehen können. Und die Zusammenarbeit mit SALESIANER zu gewerblichen Alttextilien zeigt, dass auch Wäschereien und Textildienstleister wichtige Partner sind.
Kosten transparent machen
Mit der erweiterten Herstellerverantwortung werden die Kosten der Sammlung künftig an Hersteller und Organisationen weitergegeben, die in ihrem Auftrag handeln. Das verlangt eine transparente Kostenrechnung. Wie viel kostet die Sammlung einer Tonne Textilien in einer städtischen Region im Vergleich zu einer ländlichen? Wie verändern sich die Kosten, wenn der Leerungsrhythmus angepasst wird oder zusätzliche Standorte hinzukommen?
Ein Optimierungsmodell liefert diese Zahlen auf einer nachvollziehbaren Grundlage. Es zeigt die Kosten je Standort, je Tour und je Tonne, und es erlaubt, Szenarien für künftige Mengen und Anforderungen durchzurechnen. Für Entsorger, die sich um Sammelaufträge bewerben, ist das eine wichtige Grundlage für die Kalkulation. Wie das bei Ausschreibungen funktioniert, beschreiben wir im Beitrag „Ausschreibungen für die Alttextilsammlung kalkulieren“.
Die richtige Logistik für die Sammlung
Textilcontainer werden meist mit kleineren Fahrzeugen geleert als Restmüll oder Verpackungen. Oft sind es Kastenwagen oder leichte Lkw mit Ladebordwand, weil die Säcke von Hand entnommen werden. Das eröffnet die Möglichkeit, diese Touren früh auf elektrische Fahrzeuge umzustellen, weil die Reichweiten überschaubar sind und die Fahrzeuge leichter. Wie Touren und Laden gemeinsam geplant werden, zeigt unser Beitrag zu E-Müllfahrzeugen.
Für größere Mengen, etwa aus Annahmestellen oder von gewerblichen Kunden, kommen auch Container und Wechselbrücken zum Einsatz. Hier gelten ähnliche Planungsregeln wie im klassischen Containerdienst. Mehr dazu im Beitrag zur Disposition im Containerdienst.
Wie Hex bei der Planung eines Sammelnetzes vorgeht
Hex ist ein Team aus Mathematikerinnen und Mathematikern innerhalb der Anexia Digital Engineering Group mit Schwerpunkt auf Planung und Optimierung. In einem Projekt zur Textilsammlung beginnen wir mit den vorhandenen Daten zu Standorten, Leerungen, Mengen und Bevölkerung. Oft liegen diese Daten bei verschiedenen Akteuren und müssen zusammengeführt werden. Mehr dazu auf der Seite zur Datenintegration.
Danach bauen wir ein Modell, das das heutige Netz abbildet, und rechnen Varianten für Standorte, Rhythmen und Touren. Wir zeigen, wie sich Erreichbarkeit, Mengen, Qualität und Kosten in jeder Variante verändern. So entsteht eine Entscheidungsgrundlage, die für Gemeinden, Verbände und Entsorger gleichermaßen nachvollziehbar ist. Die Methoden dahinter beschreiben wir auf unserer Themenseite „mathematische Optimierung für Sammelnetze“.
Sie bauen ein Sammelnetz für Alttextilien auf oder bereiten sich auf die Herstellerverantwortung vor? Sprechen Sie mit uns. Wir rechnen mit Ihnen Standorte, Rhythmen und Kosten durch.
Häufige Fragen
Ab wann gilt die erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien?
Die Mitgliedstaaten haben 30 Monate ab Inkrafttreten der überarbeiteten Abfallrahmenrichtlinie im Oktober 2025 Zeit, entsprechende Systeme einzurichten. Wie Österreich die Vorgaben im Detail umsetzt, sollte laufend verfolgt werden.
Lohnen sich Füllstandsensoren in Textilcontainern?
Das hängt von der Zahl der Container und der Schwankung der Füllung ab. Ein Modell kann berechnen, ab welcher Netzgröße sich Sensoren durch eingesparte Fahrten und bessere Qualität rechnen.
Kann das Modell mehrere Sammler gemeinsam betrachten?
Ja. Gerade die gemeinsame Betrachtung zeigt, wo sich Standorte doppeln und Touren gebündelt werden könnten.
