Alle paar Jahre schreibt eine Gemeinde oder ein Abfallwirtschaftsverband die Sammelleistungen neu aus. Für die Gemeinde ist das eine Entscheidung, die über Jahre die Gebühren und die Servicequalität bestimmt. Für die Entsorger ist es eine Kalkulation unter Zeitdruck, bei der eine falsche Annahme über Mengen, Fahrzeiten oder Fahrzeugbedarf den ganzen Vertrag unwirtschaftlich machen kann. Beide Seiten arbeiten dabei oft mit Pauschalen und Erfahrungswerten, obwohl die Daten für eine viel genauere Rechnung eigentlich vorhanden wären.
Seit 2026 ist diese Aufgabe noch anspruchsvoller geworden. Mit dem zweiten Bezugszeitraum des Straßenfahrzeug-Beschaffungsgesetzes steigt der Mindestanteil sauberer schwerer Nutzfahrzeuge, und die Verpackungs- und Textilsammlung verändert sich. In diesem Beitrag zeigen wir, wie ein Optimierungsmodell beiden Seiten hilft, eine Ausschreibung besser vorzubereiten und ein Angebot belastbar zu kalkulieren.
Was sich 2026 geändert hat
Das Straßenfahrzeug-Beschaffungsgesetz setzt die europäische Richtlinie über saubere Straßenfahrzeuge in Österreich um. Im Bezugszeitraum vom 1. Jänner 2026 bis 31. Dezember 2030 müssen 15 Prozent der beschafften und eingesetzten schweren Nutzfahrzeuge der Klassen N2 und N3 sauber sein, nach 10 Prozent im ersten Zeitraum. Müllsammelfahrzeuge sind davon nicht ausgenommen. Erfasst sind Vergaben mit einem geschätzten Auftragswert über 221.000 Euro netto, und zwar auch dann, wenn die Gemeinde nicht selbst Fahrzeuge kauft, sondern die Abholung von Siedlungsabfällen als Dienstleistung vergibt. Dann muss sie sicherstellen, dass der Dienstleister die Vorgaben einhält.
Gemeinden können sich zu sogenannten Erfassungsgemeinschaften zusammenschließen und die Mindestanteile gemeinsam erreichen. Laut der Fachzeitschrift KOMMUNAL muss eine solche Vereinbarung mindestens zwei Auftraggeber umfassen und einen ganzen Bezugszeitraum abdecken, und sie muss vor dessen Ende geschlossen sein. Für Gemeinden, die die Müllentsorgung ohnehin gemeinsam organisieren, ist das eine naheliegende Möglichkeit. Die rechtlichen Details sollten im Einzelfall mit Fachleuten für Vergaberecht geprüft werden. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.
Gleichzeitig verändern sich die Sammelsysteme selbst. Seit Jänner 2025 werden Leicht- und Metallverpackungen österreichweit gemeinsam gesammelt, und das Einwegpfand hat die Zusammensetzung der Verpackungsmengen verschoben. Textilien müssen EU-weit seit 2025 getrennt gesammelt werden, und mit der überarbeiteten Abfallrahmenrichtlinie kommt eine erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien. Wer heute einen Vertrag über acht oder zehn Jahre ausschreibt, muss mit solchen Veränderungen rechnen.
Die Sicht der Gemeinde. Was soll ausgeschrieben werden?
Bevor eine Ausschreibung veröffentlicht wird, trifft die Gemeinde viele Entscheidungen, die den Preis stark beeinflussen. Wie oft wird welche Fraktion abgeholt? Wird die Biotonne im Sommer wöchentlich geleert und im Winter alle zwei Wochen? Welche Behältergrößen sind zugelassen? Wird das Gemeindegebiet in mehrere Lose geteilt, und wenn ja, wie? Und wie hoch soll der Anteil sauberer Fahrzeuge sein, damit die Gemeinde ihre Verpflichtung erfüllt, ohne die Kosten unnötig in die Höhe zu treiben?
Ein Optimierungsmodell kann diese Fragen vorab durchrechnen. Auf Basis der Behälterstandorte, des Straßennetzes und der Mengen berechnet es für jede Variante, wie viele Fahrzeuge und Touren nötig wären und was das ungefähr kostet. So sieht die Gemeinde zum Beispiel, dass ein Wechsel auf einen vierzehntägigen Rhythmus bei einer bestimmten Fraktion viel spart, bei einer anderen aber kaum. Oder dass eine bestimmte Losbildung dazu führt, dass jedes Los für sich unwirtschaftlich wird, weil die Touren nicht mehr sinnvoll geschnitten werden können.
Lose so schneiden, dass sie sich gut fahren lassen
Die Losbildung ist ein unterschätzter Kostentreiber. Kleine Lose ermöglichen es mehr Unternehmen, sich zu bewerben, und fördern damit den Wettbewerb. Wenn ein Los aber so klein ist, dass ein Fahrzeug nicht ausgelastet werden kann, steigen die Kosten pro Tonne. Auch die Form eines Loses spielt eine Rolle. Ein Los, das sich über zwei Täler erstreckt, erzeugt lange Leerfahrten, auch wenn es auf der Karte kompakt aussieht.
Mathematisch ist die Losbildung ein Problem der Gebietsaufteilung, das in der Forschung als Districting bekannt ist. Das Modell teilt ein Gebiet so in Teilgebiete, dass jedes davon eine sinnvolle Größe hat, gut erreichbar ist und sich effizient befahren lässt. Es kann dabei auch vorgeben, dass die Lose ungefähr gleich groß sein sollen oder dass Gemeindegrenzen respektiert werden. Die Grundlagen solcher Modelle beschreiben wir auf unserer Seite zur Graphentheorie.
Die Quote realistisch festlegen
Für die Gemeinde stellt sich die Frage, wie sie den Mindestanteil sauberer Fahrzeuge in der Ausschreibung verankert. Eine zu niedrige Vorgabe gefährdet die eigene Quote. Eine sehr hohe Vorgabe kann dazu führen, dass nur wenige Bieter anbieten können oder die Preise deutlich steigen. Ein Modell zeigt, welche Touren im Gebiet sich besonders gut für E-Fahrzeuge eignen und wie viele Fahrzeuge es mindestens braucht, um einen bestimmten Anteil zu erreichen.
Oft zeigt sich dabei, dass ein Teil der Touren ohne große Mehrkosten elektrisch gefahren werden kann, etwa kurze städtische Touren mit vielen Stopps. Andere Touren, etwa lange Überlandfahrten mit steilen Anstiegen, sind schwieriger. Wie wir Touren und Energieverbrauch für E-Müllfahrzeuge planen, beschreiben wir im Beitrag „E-Müllfahrzeuge in der Ausschreibung“.
Die Sicht des Entsorgers. Ein Angebot in kurzer Zeit kalkulieren
Für den Entsorger beginnt mit der Veröffentlichung einer Ausschreibung ein Wettlauf gegen die Zeit. Innerhalb weniger Wochen muss ein Angebot entstehen, das wettbewerbsfähig ist und gleichzeitig über die gesamte Laufzeit hält. Dafür muss der Entsorger abschätzen, wie viele Fahrzeuge und wie viel Personal er braucht, wie lange die Touren dauern, wie oft zur Anlage gefahren werden muss und welche Fahrzeuge elektrisch fahren können.
Viele Ausschreibungen enthalten Behälterlisten mit Adressen, Größen und Leerungsrhythmus. Aus diesen Daten lässt sich mit einem Optimierungsmodell in kurzer Zeit eine realistische Tourenplanung erstellen. Das Modell berechnet, wie viele Touren an welchen Tagen nötig sind, welche Fahrzeuge dafür gebraucht werden und wie viele Stunden Personal anfallen. Daraus ergibt sich eine Kalkulation, die nicht auf Pauschalen, sondern auf einer konkreten Planung beruht.
Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, Varianten zu rechnen. Was passiert, wenn der Standort des eigenen Betriebshofs berücksichtigt wird oder ein neuer Stützpunkt in der Region entsteht? Wie verändert sich der Preis, wenn zwei Lose gemeinsam gewonnen werden? Was kostet ein zusätzliches E-Fahrzeug, und ab welchem Anteil lohnt sich eine eigene Ladeinfrastruktur? Solche Fragen lassen sich mit einem Modell in Stunden statt in Tagen beantworten.
Risiken bewusst einpreisen
Ein Vertrag über viele Jahre birgt Risiken. Die Mengen können steigen oder sinken, neue Fraktionen können hinzukommen, und Energie und Personal können teurer werden. Ein gutes Angebot berücksichtigt diese Unsicherheiten, ohne sie mit einem großen Sicherheitsaufschlag zu erschlagen.
Mit Szenarioanalysen lässt sich zeigen, wie empfindlich die Kosten auf bestimmte Veränderungen reagieren. Wenn eine Steigerung der Mengen um zehn Prozent eine zusätzliche Tour erfordert, ist das ein anderes Risiko, als wenn die bestehenden Touren die Mehrmenge noch aufnehmen können. Solche Erkenntnisse helfen, Preisgleitklauseln und Mengenkorridore im Angebot sinnvoll zu gestalten. Und sie helfen der Gemeinde, bei der Bewertung der Angebote zu verstehen, welche Preise realistisch sind.
Nach dem Zuschlag. Vom Angebot zum Betrieb
Wenn der Zuschlag erteilt ist, beginnt die Umsetzung. Die Touren aus der Angebotskalkulation werden zur Grundlage des Betriebs, und oft bleibt nur wenig Zeit bis zum Start. Wer seine Kalkulation bereits auf einem Optimierungsmodell aufgebaut hat, hat hier einen großen Vorteil. Die Touren sind schon geplant, die Fahrzeuge bekannt, und das Modell kann mit den tatsächlichen Daten der ersten Wochen nachgeschärft werden.
Auch die Dienstplanung lässt sich dann direkt anschließen. Wie wir Dienste für Fahrerinnen, Fahrer und Lader planen, zeigt der Beitrag zur Dienstplanung in der Abfallwirtschaft. Und wer zusätzlich einen Containerdienst betreibt, findet im Beitrag zur Disposition im Containerdienst weitere Ansatzpunkte.
Warum beide Seiten von besseren Daten profitieren
Eine Ausschreibung ist dann gut, wenn sie fair, transparent und wirtschaftlich ist. Dafür braucht es auf beiden Seiten eine realistische Vorstellung davon, was die Leistung tatsächlich kostet. Wenn Gemeinden ihre Leistungsverzeichnisse mit sauberen Daten zu Behältern, Mengen und Zufahrten ausstatten, können Bieter genauer kalkulieren und müssen weniger Risikoaufschläge einpreisen. Wenn Entsorger ihre Angebote auf Modelle stützen, werden die Preise nachvollziehbarer und Nachverhandlungen seltener.
Für Abfallwirtschaftsverbände, die für viele Gemeinden gleichzeitig ausschreiben, lohnt sich ein solches Modell besonders. Es kann für den ganzen Verband zeigen, welche Losbildung sinnvoll ist, wie die Quote gemeinsam erreicht werden kann und wo sich die Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden lohnt.
Wie Hex bei Ausschreibungen unterstützt
Hex ist ein Team aus Mathematikerinnen und Mathematikern innerhalb der Anexia Digital Engineering Group mit Schwerpunkt auf Planung und Optimierung. Für Gemeinden und Verbände rechnen wir vor einer Ausschreibung Varianten für Abfuhrrhythmus, Losbildung und Fahrzeugquote und zeigen die Kostenfolgen. Für Entsorger bauen wir aus den Ausschreibungsunterlagen in kurzer Zeit ein Tourenmodell, auf dem die Kalkulation aufsetzen kann.
Die Methoden dahinter sind dieselben, die wir auch in der Verkehrsplanung einsetzen. Mehr dazu auf der Themenseite „mathematische Optimierung für Ausschreibungsmodelle“, zur MILP Modellierung und zu Metaheuristiken. Wenn für die Umstellung auf saubere Fahrzeuge Förderungen in Frage kommen, unterstützen wir auch bei der Vorbereitung. Mehr dazu auf der Seite zur Fördermitteleinreichung.
Sie bereiten eine Ausschreibung vor oder müssen ein Angebot kalkulieren? Sprechen Sie mit uns. Wir rechnen mit Ihnen die Varianten durch, bevor die Frist abläuft.
Häufige Fragen
Welche Daten braucht ein Modell für die Angebotskalkulation?
Im Kern die Behälterliste mit Adressen, Größen und Rhythmus, die Standorte der Anlagen und des eigenen Betriebshofs sowie die verfügbaren Fahrzeugtypen. Das Straßennetz kommt aus öffentlichen Kartendaten.
Wie lange dauert eine solche Berechnung?
Ein erstes Tourenmodell für ein Ausschreibungsgebiet lässt sich in der Regel innerhalb weniger Tage erstellen. Varianten werden dann in Stunden gerechnet.
Kann eine Gemeinde das Modell auch für die Bewertung der Angebote nutzen?
Ja. Ein eigenes Kostenmodell hilft einzuschätzen, ob angebotene Preise realistisch sind und wo Nachfragen sinnvoll sind.
