Wenn draußen der Frühling beginnt, ist in den Planungsabteilungen der Eisenbahnverkehrsunternehmen Hochsaison. Im April endet die Frist für die Anmeldung der Trassen zum nächsten Netzfahrplan, etwa acht Monate vor dem Fahrplanwechsel im Dezember. Gleichzeitig laufen die ersten großen Baustellen des Jahres an, und die Sommermonate mit Urlauben und starkem Reiseverkehr stehen vor der Tür.
Für private Anbieter im Personenverkehr ist das eine besonders anspruchsvolle Zeit. Wer im Wettbewerb mit großen Staatsbahnen steht, muss mit jeder Trasse und jedem Fahrzeug haushalten. In diesem Beitrag zeigen wir, wie mathematische Optimierung hilft, Trassen klug anzumelden, Baustellenfahrpläne effizient zu planen und Fahrzeuge und Personal für den Sommer richtig einzusetzen.
Die Trassenanmeldung als strategische Entscheidung
Die Trassen, die ein Unternehmen im April anmeldet, bestimmen, was es im folgenden Jahr fahren kann. Und sie bestimmen auch, wie effizient es das tun kann. Eine Trasse, die fünf Minuten zu spät an einem Endbahnhof ankommt, kann eine ganze Umlaufkette zerreißen und einen zusätzlichen Triebzug erfordern. Eine Trasse, die zu knapp an die nächste Fahrt anschließt, gefährdet die Pünktlichkeit.
Viele Unternehmen melden ihre Trassen auf Basis des bestehenden Fahrplans an und passen punktuell an. Das ist verständlich, verschenkt aber Potenzial. Denn schon bei der Anmeldung lässt sich rechnen, welche Kombination von Abfahrtszeiten mit den vorhandenen Fahrzeugen und dem vorhandenen Personal am besten funktioniert.
Mit einem Optimierungsmodell lassen sich verschiedene Trassenvarianten vergleichen, bevor sie angemeldet werden. Was bedeutet es für den Fahrzeugbedarf, wenn der Takt auf einer Achse verdichtet wird? Wie viele zusätzliche Dienste braucht eine neue Abendverbindung? Welche Wendezeiten an den Endbahnhöfen sind nötig, damit die Umläufe aufgehen? Diese Fragen lassen sich in Minuten beantworten und führen zu Anmeldungen, die nicht nur betrieblich, sondern auch wirtschaftlich durchdacht sind.
Wenn der Infrastrukturbetreiber anders entscheidet
Nicht jede angemeldete Trasse wird auch so zugewiesen. Auf stark belasteten Strecken kommt es zu Konflikten, und der Infrastrukturbetreiber schlägt Alternativen vor. Dann muss das Unternehmen schnell entscheiden, ob es die Alternative annimmt, eine andere Variante vorschlägt oder auf die Trasse verzichtet.
Ohne Optimierung ist das oft eine Entscheidung aus dem Bauch. Mit einem Modell lässt sich sofort rechnen, was die angebotene Alternative für Umläufe und Personal bedeutet. Braucht es einen zusätzlichen Zug? Verlängert sich ein Dienst über eine zulässige Grenze? Oder lässt sich die Änderung durch eine geschickte Umverteilung auffangen? Diese Geschwindigkeit ist in der Abstimmungsphase ein echter Vorteil.
Baustellen werden zur Regel
Die Zahl der Baustellen im Netz nimmt seit Jahren zu. Die österreichische Schienen-Control registrierte 2025 insgesamt 126 mehrtägige Baustellen, die die Kapazität um mehr als 30 Prozent einschränkten, und die Zahl der Sperren mit einer Dauer von mehr als drei Wochen hat sich nahezu verdoppelt. In Deutschland werden im Rahmen der Generalsanierungen wichtige Korridore jeweils für rund ein halbes Jahr gesperrt. Auch grenzüberschreitende Verkehre sind davon betroffen, etwa auf der Achse zwischen Salzburg und München, wo für 2027 weitere Sanierungen angekündigt sind.
Für Personen-EVU bedeutet jede größere Baustelle einen eigenen Fahrplan. Züge werden umgeleitet, Fahrzeiten verlängern sich, Halte entfallen, und manchmal müssen Verbindungen ganz gestrichen oder durch Busse ersetzt werden. Jede dieser Änderungen wirkt sich auf die Umläufe und die Dienste aus.
Baustellenfahrpläne effizient rechnen
Das Problem bei Baustellenfahrplänen ist nicht nur ihre Komplexität, sondern auch ihre Menge. Ein Unternehmen mit mehreren Achsen hat im Laufe eines Jahres oft Dutzende verschiedene Fahrplanzustände, die jeweils eigene Umläufe und Dienste brauchen. Wenn jeder davon manuell geplant wird, bindet das enorme Kapazität.
Mit einem Optimierungsmodell, das den Regelfahrplan bereits abbildet, wird aus jedem Baustellenfahrplan eine Variante. Man ändert die betroffenen Leistungen, Fahrzeiten und Halte, und das Modell erstellt neue Umläufe und Dienste. Dabei kann es auch Vorgaben berücksichtigen, die über den Einzelfall hinausgehen, etwa dass möglichst viele Dienste gegenüber dem Regelfahrplan unverändert bleiben sollen, damit sich für das Personal wenig ändert.
Besonders anspruchsvoll wird es, wenn längere Fahrzeiten die Umläufe strecken. Dann reichen die vorhandenen Fahrzeuge unter Umständen nicht mehr aus, um den gewohnten Takt zu fahren. Die Optimierung zeigt, welche Kompromisse möglich sind. Lässt sich der Takt halten, wenn an einem Endbahnhof kürzer gewendet wird? Ist es günstiger, eine Verbindung zu streichen oder einen zusätzlichen Zug anzumieten? Solche Entscheidungen lassen sich auf einer belastbaren Grundlage treffen. Wie wir Ersatzverkehre planen, wenn Züge gar nicht fahren können, beschreiben wir auf der Seite zur SEV-Planung und im Beitrag zum Schienenersatzverkehr bei Generalsanierungen.
Anschlüsse und Fahrgäste nicht vergessen
Ein Baustellenfahrplan ist nicht nur eine interne Planungsaufgabe. Für Fahrgäste bedeutet er längere Reisezeiten, geänderte Abfahrtszeiten und oft verpasste Anschlüsse an Regionalzüge oder Busse. Wer im Wettbewerb steht, kann sich schlechte Erfahrungen in dieser Zeit kaum leisten, denn Fahrgäste, die in einer Baustellenphase abwandern, kommen nicht automatisch zurück.
Deshalb lohnt es sich, bei der Planung von Baustellenfahrplänen auch die wichtigsten Anschlüsse im Blick zu behalten. Ein Optimierungsmodell kann Anschlüsse an zentralen Knoten als Ziel gewichten und zeigt, welche Varianten sie am besten erhalten. Und je früher der Baustellenfahrplan steht, desto früher lassen sich Fahrgäste informieren und Buchungssysteme anpassen. Auch das ist ein Argument dafür, Varianten nicht in Tagen, sondern in Minuten zu rechnen.
Der Sommer braucht eigene Pläne
Im Sommer verändert sich die Nachfrage im Personenfernverkehr deutlich. Der Pendlerverkehr geht zurück, der Freizeit- und Urlaubsverkehr nimmt zu. Strecken in Tourismusregionen sind voll, an Wochenenden braucht es mehr Kapazität. Gleichzeitig möchten viele Mitarbeitende in dieser Zeit Urlaub nehmen.
Diese Spannung lässt sich nur mit guter Planung auflösen. Prognosen auf Basis vergangener Jahre zeigen, wann und wo die Nachfrage steigt. Daraus lässt sich ableiten, wann Züge verstärkt werden sollten und wie viel Personal an welchen Tagen gebraucht wird. Die Urlaubsplanung kann dann so gestaltet werden, dass Wünsche möglichst erfüllt werden, ohne dass in den Spitzen Personal fehlt. Wie wir Prognosen und Optimierung kombinieren, beschreiben wir im Beitrag Operations Research oder KI.
Personal für das nächste Jahr planen
Das Frühjahr ist auch die Zeit, in der die Weichen für die Personalplanung des nächsten Jahres gestellt werden. Wie viele Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer brauchen wir mit dem neuen Fahrplan? Welche Qualifikationen fehlen? Wie viele Personen müssen in den nächsten Ausbildungskurs aufgenommen werden, damit sie rechtzeitig einsatzbereit sind?
Gerade wenn Unternehmen selbst ausbilden, ist diese Frage entscheidend. Eine Vollausbildung dauert oft mehr als ein Jahr. Wer im Frühjahr zu wenige Menschen aufnimmt, hat in einem Jahr ein Problem, das sich kurzfristig nicht mehr lösen lässt. Mit einem Optimierungsmodell lässt sich der künftige Personalbedarf auf Basis der angemeldeten Trassen sehr genau berechnen, getrennt nach Standorten, Streckenkunde und Netzzulassungen. Mehr dazu auf der Seite zur Dienstplanoptimierung bei Fahrermangel.
Flotte und Werkstatt vorausschauend planen
Wer wächst, braucht irgendwann mehr Fahrzeuge. Die Beschaffung neuer Triebzüge ist eine Entscheidung mit langer Vorlaufzeit und hohen Kosten. Ein Optimierungsmodell hilft, sie auf eine solide Grundlage zu stellen. Wie viele Fahrzeuge brauchen wir für die geplanten Angebotsausweitungen, inklusive Reserve und Werkstattzeiten? Welcher Fahrzeugtyp passt am besten zu den künftigen Umläufen?
Auch die Werkstatt profitiert von vorausschauender Planung. Im Sommer, wenn weniger Pendlerverkehr fährt, lassen sich größere Instandhaltungsarbeiten einplanen, damit im Herbst alle Fahrzeuge verfügbar sind. Wie wir Werkstattkapazitäten optimieren, beschreiben wir auf der Seite zur Werkstattdisposition.
Wie groß werden solche Modelle?
Ein Eisenbahnverkehrsunternehmen mit mehreren Achsen, Hunderten Zugleistungen pro Tag und mehreren Dutzend Fahrzeugen erzeugt Optimierungsmodelle mit sehr vielen Entscheidungen. Für die Lösung setzen wir auf leistungsfähige Solver und bei Bedarf auf Dekompositionsverfahren und hybride Ansätze, die große Probleme in beherrschbare Teile zerlegen. Das Ergebnis sind Rechenzeiten von Sekunden bis wenigen Minuten, auch für komplexe Varianten.
In einem unserer Projekte im Schienenverkehr mit fünf Regionalstrecken und einer gemischten Flotte aus 42 Triebfahrzeugen dreier Typen haben wir Wartungsintervalle und Streckenzulassungen direkt in die Umlaufoptimierung integriert. Die Planungsqualität und die Verfügbarkeit der Flotte haben sich dadurch deutlich verbessert. Details finden Sie in unseren Case Studies.
Vom Frühjahr in den Herbst
Die Arbeit im Frühjahr ist die Grundlage für den Fahrplanwechsel im Dezember. Wer bei der Trassenanmeldung bereits Umläufe und Personal mitdenkt, hat im Herbst deutlich weniger Arbeit. Wie die zweite Hälfte des Jahres aussieht, beschreiben wir im Beitrag Fahrplanwechsel planen.
Sie bereiten die Trassenanmeldung oder einen Baustellenfahrplan vor? Sprechen Sie mit uns. Wir rechnen gerne eine Variante mit Ihren Daten durch.
Häufige Fragen
Kann die Optimierung schon bei der Trassenanmeldung helfen?
Ja, gerade dort bringt sie viel. Verschiedene Trassenvarianten lassen sich vor der Anmeldung auf Fahrzeug- und Personalbedarf durchrechnen.
Wie schnell lässt sich ein Baustellenfahrplan rechnen?
Wenn das Modell für den Regelfahrplan eingerichtet ist, meist in Minuten. Der größte Aufwand liegt in der Erfassung der geänderten Fahrzeiten und Halte.
Brauchen wir dafür ein neues Planungssystem?
Nein. Unsere Optimierung arbeitet als Modul neben Ihren bestehenden Systemen. Mehr dazu im Beitrag Optimierung ergänzen statt Planungssystem tauschen .
